BLAUBART und andere Fälle
| Videos, Collagen und Objekte von Tobias Sandberger

Das Konzept

In Blaubart (2012) wie in den „anderen Fällen“ schöpft Tobias Sandberger für seine Filme, Collagen und Objekte aus dem schier unendlichen Repertoire bekannt geglaubter Erzählungen und formt sie zu neuen Geschichten, die auf die zeitlose Dimension alter Fabeln verweisen. Seine Filmbilder entwickelt er mal aus etablierten Bildsystemen der Medienwelt, mal aus Objekten unseres Alltags, unserer Vergangenheit und Erinnerung und transportiert sie in neue Bedeutungszusammenhänge.

Der im 17 Jahrhundert von Charles Perrault niedergeschriebene „Blaubart“ basiert als Urtypus des Serienmörders zwar auf vermutlich historischen Serienmördern – die es im Übrigen nicht unbedingt alle immer nur auf das Leben ihrer Frauen abgesehen hatten – doch wird hier wie in den anderen Filmen aus Tobias Sandbergers Werkzyklus Fairy Tales Retold, die sich teils aus tradierten Märchen, teils aus Kunstmärchen speisen, deutlich, dass es grundsätzlich um tief liegende, urmenschliche Ängste und Begierden geht – aber auch um unser aller Schaulust aus sicherer Distanz am Grauen der Anderen teilzuhaben.

Indem Bilder in Puzzleteile zerlegt oder in Collageschnipsel zerschnitten werden, setzen sich neue Bildwelten aus sich immer wieder erneuernden Fragmenten unserer Wirklichkeit zusammen. Bildschichten überlagern sich und aus privaten Bildarchiven sowie aus den Fluten der uns umgebenden und allgegenwärtigen Medienwelt setzt sich so Stück für Stück eine scheinbar vertraute Geschichte neu zusammen. So entstehen Des Kaisers neue Kleider (2000), „Spieglein, Spieglein an der Wand,…!“ (2009) oder Rotkäppchen (2010).

In Blaubart übernimmt die Kamera die Aufgabe von Schere oder Stanzform: Aus Bildfragmentierungen und Kamerafahrten über zahllose Centerfolds, montiert Tobias Sandberger die Geschichte des reichen und hässlichen Mannes, der die Ehrlichkeit seiner Frauen grausam auf die Probe stellt, zu einer Erzählvariante, in der die zum Spiel- und Sexobjekt des Mannes degradierte Frau buchstäblich aus ihrer objekthaften Playmaterolle heraustritt und gegen das Böse, ihren Mann, obsiegt.

Der standhafte Zinnsoldat des Dänen Hans Christian Andersen hingegen (während der Ausstellung als Rohfassung präsentiert), rekrutiert sein Figurenrepertoire aus den Spielzeugkisten der Vergangenheit. In seiner Kombination aus Realfilm und Figurenanimation erweckt er die tragische Liebesgeschichte des einbeinigen Zinnsoldaten zu einer papierenen Balletttänzerin zu neuem Leben. Der buchstäbliche Sturz aus dem Fenster, der den glücklosen Helden in die gefahrenvolle Welt außerhalb des sicher scheinenden Kosmos’ des Kinderzimmers führt, zeitigt eine Reise quer durch die vier Elemente, die ihn am Ende des Films ins Feuer, aber nicht in die Endgültigkeit des Todes reißt.

Dabei haben die Collagen und Objekte, aus denen Tobias Sandberger seine Filme gestaltet, einen jeweils eigenständigen Charakter: sie sind nicht nur das Material, die den Bildstoff seiner animierten Werke bilden, sondern erzählen als Raum- oder Wandinstallationen ihre eigene Version der Werkserie Fairy Tales Retold.

Text: Anja Ellenberger

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Vernissage
Freitag, 09. November 2012 | 20 Uhr

Ausstellungsdauer
09. - 15. November 2012

Öffnungszeiten
Samstag, 10. November, 14.00h – 19.00h
Sonntag, 11. November, 14.00h – 19.00h
und 12. – 15. November nach Vereinbarung
(Kontakt: christobisandberger@yahoo.de
)

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